Nach über 40 Jahren „privater Zeichnerei“, also dem Herumspielen mit Stift und Farbe und Papier, widme ich mich in den letzten Jahren – eher zufällig und ungesteuert – zunehmend Porträts und der „Gestalt im Raum“.
Zwei Dinge fallen mir dabei immer wieder auf. Erstens ist es die Fixierung, meine eigene, aber auch die von anderen Betrachtern, auf die Realitätsnähe von Zeichnungen. Auch im Zeitalter von Handyfotos, also der Möglichkeit von unbeschränkt vielen Bildern zu unbeschränkten Gelegenheiten, scheint der zentrale ästhetische Maßstab die Frage zu sein: „Sieht das aus wie echt?„
Ein Gesicht so zeichnen zu können, dass man den oder die Abgebildete darauf wiedererkennt, gilt als hohe und erstrebenswerte Kunst. Und auch ich anerkenne dieses Ideal. Es ist zweifellos (und durchaus leider) auch eine Richtschnur meiner zeichnerischen Bemühungen.
Was ist das Neue daran und warum macht man es überhaupt?
Aber gleichzeitig wachsen in mir, dem Produzenten dieser Bilder auch die Zweifel: Welche Rolle spielt die Realitätsnähe für mich als Künstler, wenn man diese problemlos mit jedem Smartphone herstellen kann? Sicher machen das Format und das Trägermedium einen Unterschied. Während der digitale Schnappschuss ungesehen und unerlöst in wenigen Sekunden auf der Festplatte landet, dauert ein gutes Porträt auf Papier und im Format von knapp A3 mindestens eine halbe Stunde, meist länger. Aber – und das ist die zentrale Frage – was ist das Neue daran und warum macht man es überhaupt?
Tatsächlich ist die Frage nach dem Warum auch mir ein Rätsel – ich weiß nicht, warum ich gerne zeichne. Aktuell würde ich das so beantworten, dass Zeichnen drei kognitiv-handwerkliche Techniken zugleich fordert. Das ist zunächst die Rahmung eines Motivs, das in der Natur nicht gerahmt ist, dann die Übersetzung von dreidimensional in zweidimensional, wobei immer zu entscheiden ist, wieviel man von der Körperlichkeit eines Gegengenstandes wissen muss, um ihn adäquat in eine flächige Linienführung umsetzen zu können und dann drittens die Übersetzung von Licht und Dunkel bzw. Farbschattierungen in meine meist schwarzweißen Zeichnungen. Das fordert und macht Spaß, auch weil der Prozess des Zeichnens ein vollkommen autonomer ist.
Die Frage nach dem Neuen – Porträtzeichen bei Brourman
Aber dann ist da eben auch die Frage nach dem Neuen, der ich auch nicht entgehen kann, wenn ich meine Zeichnerei reflektiere. Das klassische Brustporträt gibt es jetzt in Europa, seitdem sich die Privatperson als Gegenstand von der Religion und dem Adel emanzipiert hat, also spätestens ab dem 15. Jahrhundert. Ab dann wird, bis zum Aufkommen der Fotografie ‚klassisch porträtiert‘ und seitdem wiederum – also seit über 160 Jahren – muss sich das gezeichnete oder gemalte Porträt fragen lassen, was es vom Fotoportrait unterscheidet. Als Antwort stehen dazu bereit der Verfremdungseffekt eines wuchernden Hintergrundes (Klimt), der Mix-Up von Perspektiven (Picasso), die Verschiebung von Farbe und Form (Nolde) oder auch die Reduktion auf maximal wenig Linien (Hergé).
Vor diesem Hintergrund finde ich die Arbeiten von Isabelle Brourman interessant, geboren 1994, „artist, designer and writer based in Brooklyn, New York„, die seit 2022 Welle als Gerichtszeicherin macht, und in dieser Funktion etwa den furchtbaren Prozess von Amber Heard gegen Jonny Depp begleitet hat.
Brourman versucht aktuell, als zeichnende Zeitzeugin in den USA den Abschiebe-Terror der Trump-Regierung künstlerisch festzuhalten. Nun ist aber gleichzeitig das Genre der Gerichtszeichnung wie kein anderes dem Paradigma der „Lebensechtheit“ und „Realitätsnähe“ verpflichtet. Brourman aber erlebt, dass in den Szenen, die sie festhält, das gesprochene, vielmehr das geschrieene Wort die Szenen dominiert. Dazu kommt die spezielle Dynamik von Szenen auf der Straße oder in Gerichtssälen, wo über bewegungen, Trennungen, Begegnungen sehr oft eben auch Schicksale entschieden werden.
Wie kommt die Polyphonie in die Zeichnung? Und tut ihr das gut?
Brourman versucht nun zweierlei. Zum einen versucht sie, die während des Zeichenprozess gefallenen Worte ebenfalls einzufangen und aufzuzeichen. Und zum anderen führt sie auf ihren Bildern eine Mehrdimensionalität ein, die auch ihre zeitlich und perspektivisch aufeinander folgende Erlebniswelt einzufangen versucht. Denn es ist wahr: Jeder Gerichtsbesuch, jeder Lokaltermin ist immer auch eine Folge von Szenen, die sich später in der Erinnerung zu einem mehr oder weniger kohärenten „Eindruck“ verfestigen. Und auch das macht die Zeichnung dem Foto überlegen – es können mehrere stehende Szenen zu einem Tableau zusammengestellt werden und es können Gegenstände ausgelassen oder hinzugefügt werden.
Zu meinem großen Bedauern gefallen mir viele der großformatigen Blätter von Brourman nicht. Ich weiß es nicht warum, kann es nur schwer begründen. Irgendwie finde ich den Grad an Improvisation als zu hoch, die Komposition von Bild- zu Textanteilen zu beliebig und zu nervös (obwohl sie sicher genau das sagen will und mit meinem Missfallen am Bild ihr Missfallen an den abgebildeten Szenen gut überträgt). Oder ist es die, wie ich finde fragwürdige, Komposition von Gegenständen und Schrift auf den Bildern? Ich weiß es nicht und würde es gern wissen.
Die sichtbare Entwicklung des Werks
Was ich erst beim Komplieren der Screenshost sehe ist, das Bourmann in ihren Zeichnungen wilder und expressionistischer wird. Das Bild zur Urteilsverkündung im Heart-Depp-Prozess von Juni 2002 ist noch klar in der Nachfolge von klassischem „Sketching“ und einzelnen Interaktions-Situationen. Alles simultan auf einem Blatt arrangiert, ist das Bild deutlich geordneter und durch die Raumperspektive arrangiert. Die aktuellen Zeichnungen von 2025 sind deutlich aufgeladener und dynamischer, vielleicht dystopischer?
Allerdings zeigt das Bild „removable as charged“ von 2025 erneut die Suche nach dem strukturierend-umgebenden Raum. Mit im Uhrzeigersinn, von rechts oben weg, sind die gezeichneten Figuren jeweils in eine Raumsituation hineinmontiert, was insgesamt Dynamik und Statik verbindet.
Was sagen Sie?
Weblinks:
www.vanityfair.com/culture/story/sketch-artist-isabelle-brourman?
Portrait in vanity fair – vom Heard-Depp-Prozess zum Trump-Prozess zu den Skizzen aus der Abschiebemühle der USA (2025, Okt.)
www.murmurs.la/exhibitions/virginia-is-for-lovers-the-official-courtroom-drawings-from-depp-v-heard
Bericht des Outputs zum Prozess Heard-Depp (2022)
www.motherjones.com/politics/2025/08/trump-portrait-artist-isabelle-brourman-trial-mar-lago-immigration-court-ice-arrests/
Aktuelle Deportationswelle im Norden der USA durch die Trump-Regierung
news.artnet.com/art-world/isabelle-brourman-court-sketch-trump-depp-trial-will-shott-2602291
jan 25 – Bericht in artnet zu einer Galeriebegehung mit Bildern von Bourman
willshott.com/pages/isabelle-brourman-exhibit-1-paper-trail
Eine Online-Gallerie verkauft Skizzen von Brourman. Datiert auf Januar 2025